Todesmutig – Das siebte Werk der Barmherzigkeit


Wie kommt ein Mensch unter die Erde?

Diese scheinbar banale Frage zählt zu den wichtigsten kulturgeschichtlichen Herausforderungen und wird nach weit gehender Preisgabe der traditionellen Standards in der Gegenwart viel diskutiert. Meist im Hintergrund standen und stehen die Menschen, die bei der Bestattung helfen und sie durchführen. Heute trägt die Hauptverantwortung dafür der Bestatter oder die Bestatterin. Früher gab es eine Vielzahl von Gruppen, sozialen Netzen und Berufen, die damit befasst waren.



Die Kulturgeschichte des Bestatterberufes zu erforschen, haben sich der Bundesverband Deutscher Bestatter (www.bestatter.de) mit seinen Kultureinrichtungen Kuratorium Deutsche Bestattungskultur und Stiftung Humatia für Sepulkralkultur sowie das Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur (www.sepulkralmuseum.de) in Kassel zu einem gemeinsamen Anliegen gemacht.

Die Ergebnisse werden unter dem Projekttitel TODESMUTIG – DAS SIEBTE WERK DER BARMHERZIGKEIT in einem opulenten Bildband und der gleichnamigen Ausstellung vorgestellt.

Die Ausstellung im Museum für Sepulkralkultur befasst sich anhand von Bildzeugnissen, Objekten und historischen Dokumenten mit der Vielzahl der Frauen und Männer, die als Dienstleister schon immer den Angehörigen zur Seite gestanden haben. Dabei wird das stete Wechselspiel zwischen spiritueller und materieller Totenfürsorge deutlich. Es ging immer um das Seelenheil des Verstorbenen, gleichermaßen aber um eine pietätvolle Bestattung, um ein ehrliches Begräbnis.

Die mit opulenten Bildern illustrierte Kulturgeschichte der Kunsthistorikerin Dr. Jeanne E. Rehnig zeigt erstmals, dass die vermeintlich tabuisierten Berufe der Totenfürsorge nicht nur in allen Jahrhunderten bildwürdig waren, sondern sogar einen faszinierenden Niederschlag in der Kunstgeschichte gefunden haben.



Ausstellung und Publikation schildern – sich teils überschneidend, teils ergänzend – die Entwicklung des siebten Werks der Barmherzigkeit vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Dabei wird deutlich, wie viele früher personell getrennte Tätigkeiten im modernen Berufsbild des Bestatters zusammenlaufen.

Waren es ursprünglich Gruppen, die bei der Bestattung halfen, wie Nachbarschaft, Kirchengemeinde, geistliche Bruderschaften und schließlich weltliche Begräbnisvereine oder Zünfte und Gilden, so kristallisieren sich auch einzelne Berufe heraus: Der Totengräber, die Sargträger, der Leichenbitter, die Fuhrleute, aber auch die Lehrer mit ihren Chorknaben, die Mesner und die Leichenfrauen. Da diese Personen wirtschaftlich miteinander konkurrierten, waren sie bestrebt, immer mehr Kompetenzen auf sich zu vereinigen, und so werden im 19. Jahrhundert Personen greifbar, die die Fäden einer Bestattung in der Hand halten, die Vorläufer des Bestatters. Zum Bestatter als Vollerwerbsberuf besaßen die Fuhrleute, die den Sarg transportieren, und die Schreiner, die den Sarg fertigen, gute Voraussetzungen.

Der Bestatter von heute mit Laptop und medizinisch-hygienischem Spezialwissen hat mit den genannten Berufsgruppen alles und nichts gemein. Bemerkenswert allerdings ist, dass heute zunehmend wieder Frauen diesen Beruf ergreifen, den vormals Beginen, Seelnonnen, Lichtmütter oder Leichenfrauen auch in geistlicher Weise stark geprägt haben. Beginnt die Spiritualität ins Bestattungswesen zurückzukehren?

Professor Dr. Reiner Sörries